Im September 2026 meldete der Digitalverband Bitkom: Erstmals nutzt mit 57 Prozent die Mehrheit der Unternehmen ab 20 Beschäftigten künstliche Intelligenz. Vor zwei Jahren waren es 20 Prozent. In derselben Befragung sagt allerdings kein einziges Unternehmen, es schöpfe das Potenzial voll aus – 59 Prozent sagen: gar nicht.
Drei Monate zuvor hatte derselbe Verband gemeldet, dass 85 Prozent der Unternehmen Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern halten.
Alle steigen also ein. Kaum jemand holt etwas heraus. Und fast alle fühlen sich abhängig.
Wir haben deshalb jemanden eingeladen, der diese Rechnung von beiden Seiten kennt: Wann zahlt sich Digitalisierung im Mittelstand tatsächlich aus und wann verschiebt sie die Kosten nur?
Unser Gast ist Rainer Karcher. Er hat bei Siemens als Global Director IT Sustainability die erste unternehmensweite Strategie für nachhaltige IT verantwortet und war danach bei Allianz Technology für Nachhaltigkeit und Menschenrechte zuständig. Heute führt er mit der Heartprint GmbH ein eigenes Beratungsunternehmen, das Konzernstandards für den Mittelstand übersetzt. Ehrenamtlich ist er Chief Sustainability Officer und Co-Chair des EU Advisory Board von SustainableIT.org, einer international tätigen Non-Profit-Organisation für offene Standards in der IT. Davor arbeitete er rund 25 Jahre im IT-Betrieb, unter anderem bei IBM, TeleCash und Arvato Systems.
Ein Gespräch über die Stromrechnung der KI, über die Frage, wer im Mittelstand eigentlich zuständig ist, über eine Schafherde auf einem Konzerncampus und darüber, warum ein Wort, das zwanzig Jahre lang funktioniert hat, heute die falschen Menschen erreicht.
Key Takeaways
✅ Der Business Case entscheidet, nicht die Haltung. Rechenzentrumslasten dann fahren, wenn Strom aus erneuerbaren Quellen günstig verfügbar ist, statt nachts um drei: gleiche Rechenleistung, niedrigere Kosten, niedrigere Emissionen.
✅ Das Wort hat sich verbraucht, die Sache nicht. Karchers These: „Nachhaltigkeit" erreicht die Menschen nicht mehr, die man erreichen müsste. Zukunftsfähigkeit schon, weil darin Wettbewerbsfähigkeit steckt.
✅ Die Zuständigkeit gehört nach oben. Im Konzern in die Strategieeinheit, im Mittelstand in die Geschäftsführung. Eine Initiative aus der Belegschaft ohne Rückendeckung von oben ist nach seiner Erfahrung zum Scheitern verurteilt.
✅ Digitalisierung ist nicht mehr nur ein Werkzeug. Seine Gegenthese zu Axel Berger aus Folge 1: Spätestens mit KI wird Technologie zu einem Wertekonstrukt, erkennbar dort, wo sie Pflege, Beratung und Gesellschaft berührt.
✅ Digitale Souveränität ist die neue Gasfrage. Was die Energiedebatte über Abhängigkeit gelernt hat, holt die IT gerade nach. Die praktikable Antwort ist nicht Autarkie, sondern ein Plan B: gespiegelte Daten, bekannte Ausweichwege, bewusst getroffene Entscheidungen.
✅ Warten ist bei KI keine Strategie. Sein Rat: jetzt einsteigen, aber mit der Frage anfangen, was man eigentlich erreichen will.
✅ Die nächste Runde heißt Spezialisierung. Seine Prognose: In den kommenden zwölf bis 18 Monaten verschiebt sich der Schwerpunkt von großen Universalmodellen hin zu kleinen, spezialisierten Modellen, die lokal laufen. Damit ändert sich auch, was Souveränität überhaupt bedeutet.
Shownotes & Links
- Rainer Karcher auf LinkedIn
- Website Heartprint GmbH
- Prof. Dr. Hannah Trittin-Ulbrich LinkedIn
- Dr. Martin Bethke LinkedIn
- Butterfly Effect Consulting GmbH | Strategie- und Unternehmensberatung für den deutschen Mittelstand