Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist die Angst in Deutschland groß. Im Bundesinnenministerium spekulieren Fachleute über mögliche weitere Gefährdungslagen: Von entführten Kreuzfahrtschiffen oder Anschlägen auf Chemieanlagen ist in Sitzungsprotokollen die Rede.

Als erstes Bundesland beginnt Hamburg mit der Rasterfahndung. Denn mehrere Attentäter wohnten in der Stadt. Im Landeskriminalamt ist Andreas Lohmeyer für den Bereich „Gefahrenabwehr“ zuständig. Er will mit der Rasterfahndung potenzielle Schläfer finden und Anschläge verhindern: „Es gibt in dieser Stadt eben nicht nur diese paar Menschen, die das vorbereitet haben, sondern es gibt hier Netzwerke. Dann entsteht natürlich ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein dafür, dass hier in dieser Stadt noch jede Menge Gefahren schlummern können.“

Angeordnet wird die Rasterfahndung vom damaligen Innensenator und späteren Bundeskanzler Olaf Scholz. Daten von z.B. Universitäten und Einwohnermeldeämtern werden zusammengeführt, um Menschen mit bestimmten Merkmalen zu finden. Gesucht werden Männer zwischen 18 und 40 Jahren, Studenten oder ehemalige Studenten, mit islamischer Religionszugehörigkeit und Geburtsländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung. Einer, der damals von der Polizei besucht wird, ist Obeid Said, im Herbst 2001 Pharmaziestudent in Hamburg: „Alle, die arabischstämmig, afghanischstämmig waren, haben schon ein mulmiges Gefühl gehabt, dass sie vielleicht auch in Verdacht kommen würden.“ Und so ist es auch bei ihm: Zwei Polizisten befragen ihn – ob er oft betet, welche Kontakte er ins Ausland hat und wie er seine Zukunft plant. Said ist danach sehr verunsichert. Ob er wegen der Rasterfahndung besucht wurde oder wegen anderer Hinweise, ist bis heute unklar.

Nach und nach wird die Kritik an der Rasterfahndung lauter, manche Unis stellen sich schützend vor ihre Studierenden und weigern sich, Daten herauszugeben. Denn mit den Maßnahmen geraten Muslime bestimmter Länder unter Generalverdacht. Auch Homaira Hakimi erlebt die Zeit nach 9/11 als Einschnitt. Als Jurastudentin ist sie an der Uni Osnabrück im AStA engagiert. Sie wird plötzlich zur Ansprechpartnerin für besorgte Kommilitonen, die Angst vor Abschiebung haben. Manche trauen sich nicht mehr, Geld an ihre Familien zu überweisen, da das falsch verstanden werden könnte. Sie stammt selbst aus Afghanistan, kennt das Gefühl, zum Sündenbock gemacht zu werden - bis heute. Auch die Anwältin Gül Pinar setzt sich für muslimische Studenten ein und zieht in Hamburg vor Gericht.
Die Folge erzählt von Sicherheitsbedenken, Datenschutz und den Folgen gesellschaftlichen Misstrauens – und zeigt, wie sich politische Entscheidungen konkret auf Menschen auswirken.

NDR Doku: „Das Erbe von 9/11 – Deutschland nach den Anschlägen“
https://1.ard.de/9_11_Erbe?cp=ph

Podcast-Empfehlung: „Dark Matters: Staatsgeheimnis 9/11 – Die Saudi-Connection“
https://1.ard.de/ndrinfo_staatsgeheimnis

Bundesinnenministerium zu Terrorgefahr gem. Bundesarchiv Koblenz, BArch, B 106/360579

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